Die Imbissbude - Reizthema oder Sympathieträger?

Sie existieren anscheinend im Niemandsland, in einer Nische der Stadt,
werden geduldet oder gehasst, ja oft auch bekämpft. Trotzdem sind sie Treffpunkt für alle, kaum jemand möchte sich dem Angebot entziehen. Viel ist über die Imbissbuden schon geschrieben worden, thematisiert als Kommunikationszentrum, als Hort der wahren Currywurst oder Pommes, sehen die Autoren eher eine skurrile Form der Gastronomie. Dabei wird es den Buden auch nicht leicht gemacht, positive Attribute für sich zu verbuchen. Eher schlecht sieht die Bilanz aus: sie sind hässlich, schmutzig, stinken, die Gäste lärmen oft herum und richtige Nahrung ist das ja alles nicht. Dennoch sind einige Sterneköche auch bekennende Currywurstesser. Ihre stärksten Gegner haben die Betriebe des Kleinmahlzeitengewerbes in den Stadtplanern und Architekten. Nach deren Meinung ist die Besetzung von Stadtraum nicht duldbar, nur Planung, Gestaltung und Genehmigung erlaubt. Und wo es geschieht, darf es keinesfalls von Dauer sein. Und so wohnt der Imbissbude das Vorübergehende inne, ein Hauch Anarchie umweht sie. Damit erklärt sich auch die Beliebtheit: hier wird auf Etikette keinen Wert gelegt, selbst Kinder dürfen beim Essen rumsauen wie sonst nirgendwo. Die Aufnahme der Mahlzeit, als Ritual verstanden, wird vereinfacht durch ein begrenztes Angebot an Speisen, die vorportioniert oder vorgeschnitten dem Verzehrwilligen angeboten werden. Das vereinfachte und direkte Bestellwesen ermöglicht eine schnelle Abfertigung und so treffen sich an der Imbissbude besonders eilige Konsumenten. Die Anwesenheit im Stadtraum empfinden einige als Provokation. Denn es scharen sich an der Imbissbude die längerfristig Verzehrwilligen um eine Arbeitsstätte. Um einen Ort, der nicht als Aufenthaltsort gedacht ist. Damit wird gegen die ästhetische Auffassung von Stadtraum verstoßen und ein Grund gefunden, diesen Freiraum zu eliminieren. Was anderswo als Kiosk existiert und sich in den Kontext der Umgebung einfügt, hat in Berlin einen anderen Stellenwert. Nur hier entstand eine Imbissbuden Kultur, eine Breite in Form und Inhalt. Allein die unterschiedlichen Ausführungen der Baukörper, die große Anzahl an Verkaufswagen, ihre Autonomie, sind einmalig. Stummen Marktschreiern gleich machen die Buden auf sich aufmerksam. Dabei entscheiden neben der auffälligen Kleinheit des Bauwerks die muttersprachliche Originalität, willkürliche Anordnung und Größe von Mitteilungen über den Erfolg. Daraus entwickelt sich der Standard, der eine Imbissbude als solche erkennbar und erlebbar macht. Trotzdem ist die Akzeptanz im Sinne von Architektur bisher noch nicht erfolgt. Das liegt sicherlich auch an der Nutzung als reiner Zweckbau, gestaltet durch die Möglichkeiten der Betreiber. Aber Architektur muss nun mal, dem allgemeinen Verständnis nach, auch von Architekten entworfen werden. Dabei interessieren die sich schon längst für die Buden, aber nicht nur als Bauwerke, sondern eher als Mitbesetzer des Stadtraums. Denn sie sind ein Synonym und ein Gradmesser für den Umgang der Gesellschaft mit der Kultur des Alltags und den Menschen. Deshalb sollten Anstöße und Anregungen, die von der Imbissbude und dem Kiosk ausgehen, beachtet, Details generiert, als unverzichtbare Elemente erkannt werden. Urbane Anarchisten sind notwendiger denn je.